Auf Entdeckungsreise Richtung Weltmusik

Böblingen – Der dritte diesjährige Abend im Württemberg-Saal der Kongresshalle gehörte einer bezaubernden kleinen Pianistin, die jedoch künstlerisch durchaus zu den Großen zählt und die dem Publikum ein Konzert von eigener Faszination und Vielseitigkeit schenkte. Viel Begeisterung für dieses Hörerlebnis im leider nur freundlich besuchten Württembergsaal der Kongresshalle.

Es ist so eine Pauschal-Behauptung vieler Musikkenner, dass die Zeit der großen Persönlichkeiten bei den Pianisten vorbei sei. Vorbei auch die Zeit, in der man nach wenigen Takten sagen konnte, wen man gerade im Radio hörte, Arrau, Backhaus, Kempff oder Gieseking. Die neue Pianisten-Generation sei zwar hervorragend ausgebildet, technisch nahezu perfekt, aber ohne persönliches Charisma. Gerade die vielen asiatischen Pianisten seien bei aller Brillanz absolut austauschbar. Manchmal muss man solche Vorurteile einschränken und im Fall von Deug-Yun Kim sogar weitestgehend revidieren. Natürlich scheint auch sie technisch keine Grenzen zu haben und die virtuosen Momente gelingen ihr mit der gleichen zirzensischen Akrobatik, wie es heute Standard ist. Doch die seit langem in Deutschland lebende Künstlerin hat auch spannende Zwischentöne anzubieten, durchlebte Stimmungen, viele eigene Gedanken zu den Werken. Da ist Fülle, da ist Lust am Klang, da ist aber auch Atem im Spiel, da sind Momente der Ruhe hinter dem Hochglanz der Äußerlichkeiten spürbar.

Vor allem nahm sie das vorgegebene Wort von der Internationalität dieses Festivals besonders ernst und sie ging mit den Hörern auf einen interessanten Entdeckerkurs. Zu Beginn machte sie deutlich, dass bei Muzio Clementis Musik noch heute jede Minute lohnt, die man ihm widmet. Das prägnante Anfangsthema der B-Dur Sonate hat Mozart ja einst für seine Ouvertüre zur „Zauberflöte“ entlehnt, so dass Clementi beklagte „Tulit alter honoris – ein anderer trug den Ruhm davon“. Die fünf kurzen, wie improvisiert wirkenden Stücke für Klavier von Deug-Yun Kims Landsmann Isang Yun aus dem Jahr 1958 (50 Jahre!) sind eine Art „Weltmusik“, da sie Kulturgrenzen hinter sich lassen. Der so vielfach ausgezeichnete Komponist (u. a. Ehrendoktor der Universität Tübingen) lebte bis 1995 in Berlin. Aber auch die acht Walzer und der Epilog der „Valses nobles et sentimentales“ von Maurice Ravel sind kein Besitz der Franzosen allein: Der Walzer ist ein europäisches Ereignis. Die Art, mit welchem pianistischen Raffinesse er es aufbereitet, hat schnell eine weltweite Bewunderung gefunden. Liszts musikalische Reiseberichte seiner Wanderjahre „Ann´ees de pelerinage“ bearbeiten in der „italienischen Abteilung“ drei bekannte Canzonen und geben ihnen eine brillante Verkleidung. Gerade hier zeigte Deug-Yun Kim unglaubliche Facetten ihrer pianistischen Vielseitigkeit. Das Programmblatt ließ Liszt übrigens erst 1996 statt 1886 sterben.

Das Internationale Pianistenfestival, das in den ersten Jahren nur „Deutsch-russisches Pianistenfestival“ hieß, hat im zehnten Jahre seines Bestehens wieder einen deutlich russischen Schwerpunkt. Es stammen ja nicht nur zwei der vier Künstler von dort, auch sieben der insgesamt siebzehn Werke sind russisch. Der Abend von Deug-Yun Kim wäre das einzige nichtrussische Konzert gewesen, hätte sie zum Schluss nicht noch Alexander Rosenblatt auf dem Programm gehabt. Doch wirklich russisch waren die zehn Teile samt der Fuge der „Paganini-Variationen“ natürlich nicht. Das klang mehr jazzig-amerikanisch, sehr humorig, glänzend und unwiderstehlich. Und das bekannte Paganini-Thema war dennoch immer einmal wieder zu erkennen.

Der Abend war also kein „Genusskonzert“, nichts für passive Hörer: Man war gefordert und im besonderen Maße beteiligt. Aber auch das kam an und wurde durchaus goutiert und gewürdigt. Auch die Zugabe war eine Art Weltmusik: eine Mazurka von Chopin. (Böblinger Bote vom 28. Januar 2008)
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